{"id":1261,"date":"2020-07-28T15:37:30","date_gmt":"2020-07-28T15:37:30","guid":{"rendered":"http:\/\/dasfeuilleton.eu\/?page_id=1261"},"modified":"2020-07-28T15:41:30","modified_gmt":"2020-07-28T15:41:30","slug":"transparent-me","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/dasfeuilleton.eu\/en\/transparent-me\/","title":{"rendered":"Transparent Me"},"content":{"rendered":"\n<p>Liechtenstein testet Gesundheitsarmb\u00e4nder an den eigenen B\u00fcrgern, mit denen ihre K\u00f6rperfunktionen \u00fcberwacht werden k\u00f6nnen, meldete die S\u00fcddeutsche Zeitung am 18. April 2020. Dank Covid19 kommt diese Segen bringende Technologie schneller als erwartet in unsere Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Herbst vergangenen Jahres habe ich in einem kleinen Dorf vor den Toren Prags mit einem Softwareentwickler gesprochen. Er arbeitet mit seinem Unternehmen an k\u00fcnstlicher Intelligenz. Seine Auftraggeber kommen vornehmlich aus dem Gesundheitssektor. Die Armb\u00e4nder werden kommen, hatte er gesagt. Erst f\u00fcr die Kranken oder die Gef\u00e4hrdeten. Dann auf freiwilliger Basis f\u00fcr die Gesunden. Dann werden mehr Incentives geboten werden, um sie zu tragen (vor allem Krankenversicherer werden dies vorantreiben). Und schlie\u00dflich wird unser aller Biomechanismus, freiwillig oder gesetzlich vorgeschrieben, ausgelesen werden. In irgend einem Rechenzentrum wird man unseren K\u00f6rper besser kennen, als wir selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>1973 hat der niederl\u00e4ndische \u00d6konom Arnold Heertje sich in seinem Buch \u201cEconomie en technologische ontwikkeling\u201d Gedanken zur bevorstehenden Internetrevolution gemacht. Er hat vorhergesagt, dass es ein Machtsmonopol der gr\u00f6\u00dften Unternehmen auf diesem Gebiet geben wird. Als das Internet schlie\u00dflich in den 1990er Jahren durchgebrochen ist, war die Masse gierig auf die neuen M\u00f6glichkeiten, das Geld, das damit zu verdienen war, und lie\u00df sich auch durch die dot.com-Blase nicht beirren.<\/p>\n\n\n\n<p>Politik ist Tagesgesch\u00e4ft. Weiter als bis zu den n\u00e4chsten Wahlen will man nicht schauen. Zuspruch der W\u00e4hler, auch wenn sie als solche erst wieder in Monaten oder Jahren fungieren werden, werden monatlich, w\u00f6chentlich gemessen. Daran orientieren sich die Entscheidungen der Entscheidungstr\u00e4ger allzu oft. Also lie\u00df man das Internet laufen. Glaubte daran, dass es ein demokratischer, freier Ort ist. Lie\u00df sich in die Irre f\u00fchren, dass die Demokratisierung der Welt (sprich die Verwestlichung Arabiens und Nordafrikas) dank Facebook gelingen werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Internet wurde kaum geregelt. Es wurde nicht der demokratische, der vern\u00fcnftige Ort. Es wurde der Ort, an dem der Mensch ausgelesen wird, unser aller Verhalten berechenbar wird und wir, das ist das Ziel, gesteuert werden k\u00f6nnen, Dinge zu tun, von denen wir gar nicht wissen, dass wir sie wollen. So bekommt das Bonmot <em>Wir k\u00f6nnen tun, was wir wollen, aber nicht wollen, was wir wollen<\/em> eine neue Wendung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zeitpunkt, um diesen gewaltigen Impact des vermeintlichen Gratisangebots von Facebook und Google rechtlich in gew\u00fcnschte Bahnen zu lenken, \u00fcberhaupt eine politische Diskussion \u00fcber diese Entwicklung f\u00fchren, ob das gew\u00fcnscht ist, ob unsere Gesellschaft sich dessen bewusst ist und was das mit uns heute, in zehn, in zwanzig Jahren machen wird, ist verstrichen. Shoshanna Zuboff wird in tapferen Publikationen zitiert, aber auf die Politik keinen Einfluss haben. KI-Experten wie Ben Goertzel (auf der Konferenz des Nexus Instituts 2019) sehen die Zukunft von 80% der B\u00fcrger mittelfristig als eine Existenz nicht viel sophistizierter als die von Brokkoli (unabh\u00e4ngig von ihm sagte das \u00fcbrigens auch der eingangs erw\u00e4hnte tschechische Softwareentwickler: der dank KI gro\u00dfe, nutzlose Teil der Gesellschaft wird in einer Videorealit\u00e4t gehalten werden mit dem einhergehenden Vorteil, dass sie geringen Platz- und Bewegungsbedarf haben werden, eine Renaissance der Plattenbauten wird kommen \u2013 ohne die l\u00e4stigen Gr\u00fcnfl\u00e4chen indes; diese Menschen werden nicht mehr nach drau\u00dfen gehen m\u00fcssen). Anders Indset sieht die Chancen von KI noch etwas positiver. Es scheint indes schwer vorstellbar, dass er in der Politik Geh\u00f6r finden wird. In der Wirtschaft ja, aber hier wird keine gesellschaftliche Debatte gef\u00fchrt, sondern eine \u00f6konomische. Und \u00d6konomie ist, das hat Milton Friedman deutlich gemacht, eine rein von pers\u00f6nlichen Interessen des Individuums getriebene Disziplin.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat das Internet, haben Facebook und Google uns die Demokratie gebracht? Erinnert man sich an die Ironie Isaac Asimovs, dann ja: \u201cDemocracy is understood that my ignorance is just as good as your knowledge.\u201d Wir d\u00fcrfen uns fragen, ob das das ist, was wir uns vorgestellt haben. Wir k\u00f6nnen aber nicht sagen, dass man mit Voraussicht, Philosophie und Sozialwissenschaft nicht vor zehn, zwanzig, f\u00fcnfzig Jahren gesellschaftliche Diskussionen h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen, m\u00fcssen. Heute ist das Kind Internet \u2013 als Facebook und Google \u2013 in den Brunnen gefallen, <em>too big too fail<\/em>. Aber heute k\u00f6nnen andere Debatten gef\u00fchrt werden, \u00fcber Entwicklungen, die uns in zehn, zwanzig f\u00fcnfzig Jahren betreffen werden. Welcher Politiker traut sich?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in der Politik \u00fcber das Wohl der Gemeinschaft gesprochen wird, werden hierf\u00fcr \u00f6konomische Statistiken angef\u00fchrt. Bruttoinlandsprodukt, Exportweltmeister, der Jahresgewinn von Shell, das wertvollste Unternehmen des Landes\/der Welt. Andere Bewertungsma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr eine erfolgreiche Gemeinschaft sucht man vergeblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vorg\u00e4nge im kleinen Liechtenstein sind wieder einmal ein Anlass, eine Debatte zu f\u00fchren. Und eigentlich wird auch diese Gelegenheit wieder verstreichen. Und in zwanzig Jahren wird Zuboffs Tochter sich fragen, ob das eigentlich so w\u00fcnschenswert war, dass man die Unternehmen mit ihren Armb\u00e4ndchen hausieren gelassen hat. Dann aber wird sich dies schleichend als Standard installiert haben, werden die Daten in den H\u00e4nden privater Unternehmen sein, werden deren Gesellschafter damit viel Geld verdienen und sich r\u00fchmen f\u00fcr all die Arbeitspl\u00e4tze, die sie zum Wohl der Gesellschaft geschaffen haben. Wehe, ihrem Gesch\u00e4ftsmodell kommt jemand, ein Politiker, zu nahe.<\/p>\n\n\n\n<p>April 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liechtenstein testet Gesundheitsarmb\u00e4nder an den eigenen B\u00fcrgern, mit denen ihre K\u00f6rperfunktionen \u00fcberwacht werden k\u00f6nnen, meldete die S\u00fcddeutsche Zeitung am 18. April 2020. Dank Covid19 kommt diese Segen bringende Technologie schneller als erwartet in unsere Realit\u00e4t. 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